Korsika: Diesseits und jenseits der Berge

Kalliste, die Insel der Schönheit, ist auch ein Land der Kontraste: Hochgebirge und türkisblaues Meer, schroffe Klippen und flache Strände – verbunden durch fantastische Bergstraßen mit wenig Verkehr.


Überholen? Zwecklos. Spätestens am nächsten Aussichtpunkt sehen wir einander ohnehin wieder.

Die Einser-Sehenswürdigkeit der korsischen Westküste ist die als Calanche di Piana bekannte Felslandschaft aus bizarr verwittertem roten Granit, der im warmen Abendlicht zu glühen scheint und als Weltnaturerbe der UNESCO definitiv von jedem Touristen erlebt werden möchte – egal ob per Zweirad, im Campervan oder als Autobuspassagier. Den Garmin kann man getrost ausgeschaltet lassen: einfach den anderen nachfahren.

Corte ist die Heimat des wahrscheinlich wichtigsten Korsen.

Der Revolutionär Pascal Paoli bekämpfte erst die Genueser Besatzer, später die Franzosen, die die Insel des widerspenstigen Volks gekauft hatten. Sein Ziel, die geeinte korsische Nation, sollte Paoli nicht erreichen – doch er wird bis heute als Babbu di a patria verehrt, als Vater des Vaterlandes. Auch eine der Deutungen für die Herkunft des korsischen Wappens, der Mohrenkopf mit dem Stirnband, ist mit Paolis Unabhängigkeitskampf verbunden.

Enge, verwinkelte Gassen laden zum Flanieren zwischen mustergültig  gepflegten Steinfassaden ein, während Singvögel in den sanft plätschernden Springbrunnen balzen. In den Geschäften findet sich mehr erstklassige Wurst (Tipp: Wildschweinsalami mit Myrte) als das Topcase fassen kann.

Und dann erst der Käse! „Dieser hauchzarte Duft nach Thymian und Mandeln, Feigen und Kastanien … und dieser Hauch von Kiefer, diese leichte Andeutung von Beifuß, diese Ahnung von Rosmarin und Lavendel … ach meine Freunde, dieser Duft!“ Wer Band XX der Erlebnisse von Asterix und Obelix gelesen hat, wird während einer Motorradreise auf Korsika so manches Déjà-vu erleben.

Der bekannteste Korse ist ohne jeden Zweifel Napoléon Bonaparte.

Der Kaiser der Franzosen erblickte 1769 in Ajaccio, heute die Hauptstadt der Insel, das Licht der Welt. Der Stolz der Stadt auf ihren (wenn auch nicht an Körperabmessungen) großen Sohn ist zwischen dem Standbild des Ersten Konsuls an der Place Foch und dem am oberen Ende der Blickachse errichteten Kaiserdenkmal auf der Place d’Austerlitz unübersehbar. Ebenso unübersehbar ist der dichte Verkehr in den engen Straßen, für Motorradreisende mit ausladenden Seitenkoffern freilich kein Vergnügen: Neidvoll schauen wir den einheimischen Rollerfahrern nach, die mit einer bewundernswerten Melange aus Geschick und Furchtlosigkeit zwischen den Kolonnen tänzeln. Wir hingegen ziehen es vor, nicht in der Front unbeirrbarer Omnibusse des Kraftfahrlinienverkehrs unser persönliches Waterloo zu finden.

Recherche der Route, Fotografie und Reportage