Weltkulturerbe, Weltnaturerbe, Weinregion mit Weltgeltung und das Gefängnis von Richard Löwenherz: Die Wachau hat viel zu bieten. Wir besuchen das malerische Donautal, während die Natur aus dem Winterschlaf erwacht.
Nach zwei Jahren Belagerung eroberten die Kreuzritter im Juli 1191 die Stadt Akkon im Golf von Haifa. Die Freude der Sieger wurde von einem ernsten Zerwürfnis getrübt: Leopold V. von Österreich sah sein Banner durch Richard Löwenherz entehrt. Die Heimreise des englischen Königs führte durch das Land des Babenberger-Herzogs, der seinen Kontrahenten aus Rache für die erlittene Schmach aufspüren und verhaften ließ.
Löwenherz musste die Wintermonate 1192/1193 gegen seinen Willen in der Burg Dürnstein verbringen – ein Glücksfall für den kleinen Ort, denn bis heute lässt sich aus dieser Episode Kapital schlagen.
Auch die Sage um seinen treuen Sänger Blondel, der von Burg zu Burg gezogen sei, um seinen Herrn aufzuspüren, wird vermarktet – mit dem Ergebnis, dass das touristische Interesse zur Hochsaison von den Einwohnern Dürnsteins ebenfalls als Belagerung wahrgenommen wird. Dennoch hat das in Blickweite zwischen der Uferstraße und dem Bahngleis platzierte Reiterstandbild nichts mit den zwei historischen Celebritys zu tun. Es markiert vielmehr jene Stelle, an der man früher bei Niedrigwasser den Donaustrom durchwaten konnte.
Rund um die Stiftskirche mit ihrem blau-weißen Turm, der als eines der kulturhistorischen Wahrzeichen der Wachau gilt, liegt die verwinkelte, von einem mittelalterlichen Mauerring umgebene Altstadt Dürnsteins. Sie ist im Hochsommer von Bustouristen, Gästen von Donau-Kreuzfahrtschiffen und in grelle Funktionskleidung gepressten Radfahr-Urlaubern überfüllt, bei meinem Besuch Mitte März hingegen nahezu ausgestorben. Der Laden für Wachauer Safran ist noch auf Winterurlaub, aber einzelne Andenken-Shops harren bereits der Laufkundschaft. In den Regalen finden wir haltbare Produkte der Wachauer Leitfrucht, der Marille (jenseits des Weißwurst-Äquators als Aprikose bekannt): Schnaps, Likör und (in Österreich beharrlich als Marmelade titulierte) Konfitüre gibt es das ganze Jahr. Reife Früchte werden nur während der sommerlichen Erntezeit direkt in den Marillengärten verkauft, täglich in Handarbeit frisch vom Baum gepflückt.












Wo genau die Grenze zwischen der Wachau und dem angrenzenden Waldviertel liegt, erkennt man intuitiv, wenn man sich vom linken Donauufer ins angrenzende Hügelland aufmacht. Vorbei an der Justizanstalt Stein führt der Weg ins verkehrsarme Hinterland. Begleiten zuerst Weinreben die Straße, ändert sich die landwirtschaftliche Nutzung nach zwei, drei Kurven auf Getreide und Feldfrüchte. Eine schräglagenfreundliche Straße bringt mich zurück nach Weißenkirchen, eine noch spannendere Route führt gleich wieder zurück bergauf: Der Seiberer. 1924 fand hier das erste Bergrennen statt, mittlerweile wird die Motorsportveranstaltung am letzten Aprilsonntag als Gleichmäßigkeitswettbewerb für historische Kraftfahrzeuge ausgetragen.
Während der Wachauer Safran in Dürnstein nur zu ausgewählten Zeiten (oder online) gekauft werden kann, ist Wachauer Chili rund ums Jahr erhältlich: Manuela und Stefan Hick kultivieren in ihrer Gärtnerei am Fuß der Seiberer-Straße über 100 Pfefferoni-Sorten und mahlen aus den Schoten Mischungen, deren Schärfe von würzig bis waffenscheinpflichtig reicht. Ein weiteres Kuriosum mitten im Herzen der bekanntesten Weinbauregion Österreichs entdecke ich in Wösendorf: Eine kleine Privatbrauerei, die ihre Pforten nur nach telefonischer Voranmeldung öffnet, für durstige Wandersleut’ oder Radfahrende aber einen gut sortierten Kühlschrank mit „ehrlicher Kasse“ bereithält.

Recherche der Route, Fotografie und Reportage



