Ötztal: Hoch hinaus

Die höchste Asphaltstraße Europas führt in ein Tiroler Seitental. Bei unserem Besuch im Ötztal erklimmen wir einige Zweitausender, treffen auf James Bond und erinnern uns an Andreas Hofer.


Die höchste Asphaltstraße Europas startet am südlichen Ortsrand der flächenmäßig größten Gemeinde Österreichs: in Sölden. Das Gemeindegebiet des zum Tourismus-Hotspot explodierten Bergbauerndorfs reicht bis zur italienischen Grenze und ist größer als das Bundesland Wien. Vier Kehren sind es bis zur Mautstation der Gletscherstraße, die bereits jenseits der Zweitausendermarke liegt, und weitere vier Kehren bis zur Gletscherarena. Zwischen den Serpentinen geht es tapfer bergauf. 13 Kilometer nach der Abzweigung von der B186 im Söldener Ortsteil Pitz erreicht die Autobus-taugliche Straße ohne besondere fahrtechnische Schwierigkeiten den Hauptparkplatz des Rettenbachferners.

Weil „Tiefenbachtunnel“ namenstechnisch nicht viel hermacht, wurde der Tunnel fremdenverkehrsfreundlich nach der ehemaligen deutschen Skirennläuferin Rosi Mittermaier benannt.

Die vier Kilometer weiter nach Süden zum Tiefenbachferner führende Strecke verläuft durch den höchstgelegenen Straßentunnel Europas. Der gewaltige Durchmesser der Röhre wird einem erst bewusst, wenn man am Tunnelportal für ein Erinnerungsfoto Aufstellung nimmt. Ein Foto, auf das kaum jemand verzichten möchte, denn am oberen Tunnelausgang liegt auf 2830 Meter der höchstgelegene auf Asphalt erreichbare Punkt der Alpen.

Im Winter war ich schon öfter hier oben. Die Automobilabteilung von BMW veranstaltet hier unter dem Titel „Winter Technic Drive“ Fahrtrainings, die ich mehrfach als Fotograf begleiten durfte.

Die Ötztaler Gletscherstraße ist aber nicht nur hoch, sie ist außerdem „spectrekulär“: Die meisten Szenen der packenden hochalpinen Verfolgungsjagd des 24. James Bond-Abenteuers wurden hier gedreht.

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Die für Fans des Geheimagenten lohnende Erlebniswelt 007 Elements und das iceQ Gourmetrestaurant am Gipfel des Gaislachkogls sind leider nur zu Fuß oder per Seilbahn erreichbar. Das Errichten einer Erlebniswelt auf 3048 Metern Seehöhe ist natürlich ein wenig komplexer als bei einem Eigenheim in urbanen Siedlungsräumen. Auf 3048 Metern herrscht (noch!) Permafrost – gefrorene Felsen, die, abhängig von kleinen Temperaturschwankungen, dennoch ständig in Bewegung sind. Außerdem ziehen sich drei geologische Bruchlinien durch den Berg, da braucht es mehr als „nur“ die verbauten 400 Tonnen Stahl. Tatsächlich besteht das Gebäude aus sieben einzelnen Teilen, die unabhängig voneinander über hinterlüftete Streifenfundamente im Fels verankert sind; als Temperatursperre zum Gestein wird von der Nordseite kalte Luft angesaugt und an der West- und Ostseite wieder ausgeblasen.

Ein begehbarer Betonkubus informiert über die jahrhundertealte Tradition des Schmuggels und die tollkühnen Ötztaler Kraxenträger, die ihre schweren Lasten über den „Tymel“ transportierten. Die letzten 200 Höhenmeter bis zum Joch werden mit Serpentinen überwunden, dann ist der höchste Grenzübergang Österreichs auf 2474 Metern erreicht. Eindrucksvoll thront das aus weinrotem Beton gegossene Passmuseum über dem Scheitelpunkt, farblich perfekt auf das zweisprachige Passschild abgestimmt. Im Inneren des Betonmonuments werden die Geschichte der Straßenverbindung dargestellt und eine Gewandspange aus vorchristlicher Zeit gezeigt, die beim Bau der Straße gefunden wurde. Ein aus Granit gehauener Tiroler Adler wacht über die Passhöhe.

Für Schotterfreunde empfehle ich eine Rast in der schön gelegenen Enzianhütte. Wer die schmale Unterführung der Autobahn in Brennerbad nicht übersieht und das Motorrad in weiterer Folge durch die geschotterten Kurven über die Zirogalm bergan steuert, wird freundlich begrüßt, herzlich bedient und mit tollen Ausblicken zu den (für Motorfahrzeuge leider strikt gesperrten) Militärstraßen am Brenner Grenzkamm belohnt.

Recherche der Route, Fotografie und Reportage
Alpentourer 2/2026 🇩🇪