Patagonien: Blowin’ in the Wind

Wie viele Straßen muss ein Mann befahren haben, um als Mann zu gelten? Diese Frage können wir nicht exakt beantworten, aber eine sollte dabei gewesen sein: La Cuarenta, die Ruta 40 in Argentinien.


So manche mit großem Radius trassierte Linkskurve umrundet man mit leichter Rechtsschräglage, oder umgekehrt: Je nachdem, woher das himmlische Kind gerade pustet.

Wenn es stimmt, was Bob Dylan in seinem Welthit vor sich hin näselt, hat hierorts jemand ganz, ganz viele Fragen gestellt. Doch schon nach ein paar Tagen in Patagonien nimmt man den Wind, der hier beständig bläst, gar nicht mehr wahr. Wenn er denn beständig bläst, und vor allem moderat. Man arrangiert sich mit einer leichten Schlagseite der Körperhaltung, und hockt auf dem Bock, als wäre man stolzer Besitzer einer im Internet bestellten künstlichen Hüfte aus chinesischer Manufaktur sowie einer leicht eingerosteten Knieprothese. Oder man drückt das Moped gegen den Wind und rutscht mit dem Popsch auf die Leeseite (das ist die dem Wind abgewandte Richtung, falls Ihr Segelkurs schon länger her ist), produziert also einen leichten hang-off, um auf den langen Geraden auch lange gerade fahren zu können.

Hin und wieder knackt der Gletscher, und hin und wieder hört man einen Eisbrocken ins Wasser fallen – natürlich immer genau dort, wo man grad nicht hinsieht. Je nachdem, wie es der Sonne gelingt, durch die Wolken zu leuchten, strahlt die durch zermahlenes Gestein in verschiedenen Grautönen gemaserte Eismasse in allen Farbtönen zwischen blau und weiß. Größeren Abbrüchen geht meist ein kleinerer Absturz voraus, die Türme an der Front der Abbruchzone neigen sich fast unmerklich, beginnen leicht zu bröseln, und dann geben sie, begleitet von Geräuschen wie „aaaaah“, „ooooooh“ und „klick klick klick“ endlich der Schwerkraft nach. Hin und wieder wird gar applaudiert, als gäbe es dann umgehend eine Zugabe.

Patagonien ist das Traumziel vieler Reisender, aber für Motorradfahrer definitiv kein Kindergeburtstag. Doch wer mit der Mopette schon viele klassische Motorrad-Traumstrecken der Welt gesehen hat und die Alpen kennt wie seinen linken (oder rechten) Hosensack, der zahlt gerne auch mal ein fettes Sümmchen ein, um sich potenziell kaltem, waagrechten Regen auf tiefem Schotter auszusetzen – schließlich sind die Geschichten, die man daheim dann erzählen kann, unbezahlbar.

Fotografie und Reportage