Bolivien: Wo Coca nicht nur Cola ist

Motorradfahren auf höchstem Niveau: Bolivien ist ein armes Land, aber reich an einzigartigen Naturschönheiten – und dünner Luft.


Das magische Gefühl, unverwundbar zu sein, war trügerisch.

Ernesto hatte vermutlich schon geahnt, dass das Ende kein gutes wird. Die Gewaltmärsche durch die steilen, mit Dornengestrüpp und Kakteen bewachsenen Berge zehrten deutlich an seinen Kräften, und die Unterernährung und der Wassermangel forderten ihren Tribut. Außerdem machte ihm sein Asthma schwer zu schaffen – den Vorrat der notwendigen Medikamente hatte er längst aufgebraucht. Als Student bereiste Ernesto auf seiner 500er Norton den lateinamerikanischen Kontinent. Er gab seiner Maschine den Namen Poderosa, die Allmächtige. 8000 Kilometer in vier Monaten standen am Plan. Diese Expedition warf sein vorgezeichnetes Leben als Arzt in Rosario, Argentinien, über den Haufen. Er verschrieb sich dem Marxismus, war Leiter der Zentralbank und Industrieminister in Kuba, und blieb dennoch überzeugter Revolutionär. Die Reise des Commandante dauerte 16 Jahre, und sie endete nicht mit der Weltrevolution, sondern mit seinem Tod.

Nicht nur am GPS gemessen ist der Salar de Uyuni ein einzigartiger Höhepunkt jedes Altiplano-Aufenthalts. In der Sonne ist die Temperatur am Nachmittag immerhin zweistellig.

Schnee, auf dem wir alle talwärts fahren, liegt aber nicht nur auf den Gipfeln des Landes. Er findet sich in seinem Rohzustand in jedem Hotelfoyer. Die Rede ist von den Blättern des Coca-Strauches, deren Wirksubstanz nach einiger chemischer Behandlung als Marschierpulver in den illegalen Handel kommt. Gegen die Höhenkrankheit gibt es neben der Übersiedlung in tiefere Regionen kein besseres Mittel als das Coca ohne -in. Egal ob als Tee oder direkt gekaut.

So verwundert es auch nicht, dass die Arbeiter in den Minen von Potosí eine dicke Backe besitzen. Ihre lebensgefährliche Arbeit verrichten sie in stickig-heißer Luft, es ist fürchterlich staubig, und bereits auf den ersten 50 Metern Stollenkriecherei haut sich der normalgroße Europäer mehrfach die Birne an. Klaustrophob Veranlagte sollten die bekannteste Sehenswürdigkeit der einst reichsten Stadt des Planeten besser auslassen und sich derweil am Bergarbeitermarkt umsehen – neben Cocablättern gibt es dort einwandfreie Dynamitstangen zum Trinkgeldpreis.

Alle Bilder sind in zusätzlich auch in einer Vintage-Entwicklung vorhanden:

Cochabamba: Überrascht lernen wir, dass der über die 600.000-Einwohner-Stadt wachende Cristo de la Concordia die höchste Christusstatue Südamerikas und die zweithöchste der ganzen Welt ist – guckst du, Rio!

Straßenszene am Land – mehrspurig ungeordneter Verkehr ergießt sich in La Paz und El Alto über die langen, geraden Straßen.

Das als Andenstaat bekannte Bolivien ist ca. drei Mal so groß wie Deutschland, hat rund 10 Mio. Einwohner und besteht in Wahrheit zu zwei Dritteln aus Dschungel im Tiefland. So man sich von westeuropäischem Luxus lossagen kann, mit der teilweise kompromisslosen Bestechlichkeit der Autoritäten und nicht zuletzt mit den frischeren Temperaturen des Altiplanos zurechtkommt, ist Bolivien ein lohnenswertes Reiseziel. Geographisch liegt Bolivien auf der Breite des nördlichen Australiens oder Madagaskar. Die beste Reisezeit ist April bis Oktober: Im Winter ist es in der Höhe ernsthaft kalt, aber dafür regnet es sehr selten, und die Tage sind klar und trocken.

Fotografie und Reportage