Brasilien: Tiroler Hut statt Zuckerhut

Wer im europäischen Winter motorradfahren möchte, findet in Brasiliens Süden ein lohnendes Reiseziel: Das Dreiländereck mit Argentinien und Paraguay hat viel mehr zu bieten als „nur“ das Naturwunder von Iguaçu, die mächtigsten Wasserfälle der Welt.


Natürlich trägt die Dame an der Hotel-Rezeption ein Dirndl.

Das österreichische Staatswappen am Stadttor kommt dann doch überraschend. Der Bundesadler grüßt mit Mauerkrone, Hammer und Sichel und den gesprengten Ketten, außerdem prangt ein herzliches „Willkommen“ unter dem Giebeldach. Ein kleines Türmchen für die Essglocke mit einem Wetterhahn komplettiert das Stadttor von Treze Tílias: Bem-vindo in Dreizehnlinden, einer 1933 von Aussiedlern der Tiroler Wildschönau gegründeten Gemeinde im südbrasilianischen Bundesstaat Santa Catarina. Der Ort ist bekannt für seine kunstvollen Holzschnitzer sowie die hierorts ansässige Molkerei Tirol und die Brauerei Bierbaum. Im Restaurant Edelweiss stehen Käsespätzle ebenso selbstverständlich auf der Karte wie die Stelze, welche allerdings als Eisbein firmiert – und daher in keiner Weise an das Schweizerhaus-Niveau heranreicht.

Barry Manilows schwungvolles „Copacabana“ besingt nicht den Strand von Rio de Janeiro

Was fällt Ihnen spontan zu Brasilien ein? Wahrscheinlich Samba, Sonne, Karneval. Und der Zuckerhut. Beim Fußball sind die Brasilianer das, was Österreicher beim Skifahren sind – oder fast, weil wir haben auf der Streif noch nie 1:7 gegen Deutschland abgebissen. Seit den Buschfeuern in Australien hat der brennende Amazonas-Regenwald seine mediale Präsenz eingebüßt, die grenzwertigen Äußerungen des Präsidenten werden von seinem Amtskollegen mit den kleinen Twitter-Händen locker übertrumpft.

Blau und Weiß stehen auf der südlichen Seite für den Himmel und den Schnee der Anden, auf der nördlichen Seite prangt das Grün des portugiesischen Königshauses und das Gelb des Kaiserhauses Habsburg.

Der argentinische Ort Puerto Iguazú ist von seinem brasilianischen Gegenüber Foz do Iguaçu durch den gleichnamigen Fluss getrennt, der hier in den Rio Paraná mündet – und über eine „Freundschaftsbrücke“ verbunden. Deren Betonwände sind bis zur Staatsgrenze in der Flussmitte farblich markiert.

Für die Besichtigung des größten Wasserfalls der Welt hätten wir in Argentinien bleiben können. Kilometerlange Holzstege führen vom linken Flussufer bis direkt zur Abrisskante, sodass man – wenn der Wind und die gewaltige Gischt es zulassen – direkt in des Teufels Rachen hineinschauen kann: Garganta del Diablo (spanisch) bzw. Garganta do Diabo (portugiesisch) heißt die durch die Staatsgrenze der Länge nach geteilte U-förmige Schlucht mit 150 Metern Breite und 700 Metern Länge, in der die Wassermassen mit unermesslicher Gewalt unablässig rund 90 Meter weit hinabdonnern. Insgesamt versammeln die Iguazú/Iguaçu -Wasserfälle 20 größere sowie 255 kleinere Kaskaden auf einer Ausdehnung von 2,7 Kilometern.

Alle Bilder sind in zusätzlich auch in einer Vintage-Entwicklung vorhanden:

Sonnenuntergang in Cambará do Sul

Quedas do Chapecó

Zwei Drittel der Wasserfälle liegen in Argentinien – was wiederum bedeutet, dass man von Brasilien den besseren Ausblick hat.

Auch am rechten Ufer des Grenzflusses kann der Besucher selbst entscheiden, wie nass er werden möchte: Von einem Wanderpfad aus kann man die zahlreichen Katerakte und prächtige Regenbogen am gegenüberliegenden Flussufer genießen und kommt so dem Zentrum des Naturwunders immer näher, bis zu einem Steg, der knapp über dem brodelnden und schäumenden Becken der teuflischen Schlucht eine in Sekundenbruchteilen vollzogene Ganzkörperdusche garantiert.

Fotografie und Reportage