Chile: Der Länge nach, bitte

Wenn man fleißig Richtung Süden fährt, muss es dadurch nicht unbedingt wärmer werden. Gleiches gilt, wenn man versucht, der Sonne näherzukommen.  


Mit einem durchschnittlichen Jahresniederschlag von exakt null Millimeter gehört Calama zu den trockensten Orten der Welt.

Mit großen Augen, aber wegen des Staubes geschlossenem Mund stehen Florian und ich vor dem gähnenden Abgrund. Fünf Kilometer lang, drei Kilometer breit und über einen Kilometer ist tief das weltgrößte Loch, das Menschen jemals gebuddelt haben.

Wer nicht unmittelbar im Minenbusiness ist oder Interesse an der kostenlos angebotenen Führung hat, tut gut daran, der wenig reizvollen Stadt keine über das Auffüllen des Treibstofftanks hinausgehende Aufmerksamkeit zu widmen.

Zwölf gewaltige Bagger schaufeln unablässig das durch Sprengungen gelockerte Gestein in riesige Trucks, die aus unserer Position wie Ameisen wirken. Diese LKW (Stückpreis: Vier Millionen Dollar, 100 fahren im Tagbau herum) konsumieren drei Liter Diesel – pro Minute. Von ganz unten dauert es fast eine Stunde, bis die schwer beladenen Fahrzeuge am Kraterrand angekommen sind. Insgesamt arbeiten 14.000 Personen in der Mine, täglich gewinnt man 600 Tonnen Kupfer – und produziert dabei 400.000 Tonnen Abraum, der auf entsprechend großzügig dimensionierten Halden deponiert wird.

Viel wärmer ist es auch bei unserer Rückreise nach Chile über den mit 4726 Meter angeschriebenen Paso de San Francisco nicht.

Das heiße, trockene Wetter San Pedros darf dich nicht täuschen, wenn du Richtung Argentinien einbiegst und dazu den 4400 Meter messenden Paso Jama ins Visier nimmst. Radfahrer werden vermutlich anderes berichten, aber mit der Mopette spürtest du den Zugewinn an Höhe auf der langen, geraden Straße kaum, wäre da nicht der damit einhergehende Temperatursturz um flockige 30 Grad – am höchsten Punkt steht folglich ein Minus am Thermometer. Damit befinden wir uns in bester Gesellschaft – zahlreiche Trans-America-Fahrer berichten in ihren Blogs, dass dieses Teilstück das kälteste der monatelangen Reise war.

Bis zur Grenzkontrolle der argentinischen Carabineros blinkt die Temperaturanzeige dauernd, weil es nicht über drei Grad hinausgeht, und dann wird es wieder kälter.

Wegen der langen Etappe sitzen wir an jenem Tag schon kurz nach acht Uhr im Sattel – da hat es vor der Türe der auf 3400 Meter erbauten Hosteria Cortaderas, die ein wenig an das Headquarter eines James-Bond-Bösewichts erinnert, noch nicht wirklich eine Temperatur, die diesen Namen auch ehrlich verdient. Unter gleißendem Sonnenschein genießen wir absolute Windstille an der Laguna verde, deren ungekräuselte Oberfläche das Bergpanorama wie ein riesiger Spiegel reflektiert.

Von der kleinen Terrasse unseres Hotels Sutherland House können wir während des Frühstücks quer über das ganze chilenische Hoheitsgebiet schauen und den auf argentinischem Terrain emporragenden Aconcagua erkennen, bevor er im Laufe des Vormittags verlässlich hinter dem Dunst verschwindet. Mit 6962 Meter ist der höchste Berg Südamerikas auch der höchste Gipfel des amerikanischen Doppelkontinents, der gesamten Südhalbkugel sowie außerhalb Asiens.

Recherche der Route, Fotografie und Reportage