Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn – letzteres vielleicht auch deswegen, weil er gewiss kein Geheimtipp ist. Denn mit seinen Olivenhainen, Zitronengärten und Zypressenalleen ist der Gardasee eine schöne Möglichkeit, bereits am Rand der Alpen mediterranes Flair zu genießen.
„Am Nordufer des Sees in Österreich gilt die Kronenwährung. Obwohl die Kronenwährung schon seit einigen Jahren eingeführt ist, wird vielfach noch nach Gulden gerechnet.“ Peter senkt das kleine Büchlein, schaut über den Rand seiner Brille und fragt etwas konsterniert: „Einen aktuelleren Reiseführer hast du nicht eingepackt?“ „Wozu?“, antworte ich mit einer Gegenfrage, und poche mit dem Zeigefinger an die Schläfe. „Alles hier drinnen!“
Die Kanonenkugeln in der Fassade des Rathauses stammen von österreichischen Kriegsschiffen.
Egal ob man wegen des kleinen Spezialitätengeschäfts der Brüder Bignotti ins Zentrum von Gargnano abzweigt, wegen der Pizzeria am Steg oder nur ein Eis naschen möchte – eine Fahrtpause in dem idyllischen kleinen Hafen zahlt sich auf jeden Fall aus. Die bis heute in der Fassade des Rathauses steckenden Kanonenkugeln stammen von den Kämpfen um die italienische Einheit: Im Juli 1866 schossen österreichische Kanonenboote auf italienische und französische Kriegsschiffe, die sich in Gargnanos Hafen zurückgezogen hatten.












Die Gardesana Occidentale gilt als eine der schönsten Straßen der Welt.
Die ab 1931 aus den steilen Felswänden herausgesprengte Gardesana Occidentale war als Verbindung zwischen der Lombardei und dem nach dem Ersten Weltkrieg an Italien gefallenen Trentino strategisch unverzichtbar, heute gilt die Strecke mit ihren zahlreichen Brücken und Tunnelbohrungen als eine der schönsten Straßen der Welt. Ich weiß nicht, wie oft ich die Gardesana schon gefahren bin. Im Mai 1997 war ich das erste Mal hier. Seither ist Gargnano eine Art zweite Heimat. Lisa führt das Hotel, Alberto herrscht über die Küche. Jedes Mal, wenn ich dort bin, blättere ich durch das Menü – und bestelle dann doch immer meine Lieblingsmahlzeit, die gar nicht auf der Speisekarte steht.
Im Lauf der Jahre wurden einige neue Tunnel gebohrt, um schöne, aber durch Steinschlag gefährdete Kurven zu entschärfen. Und dennoch hat die Gardesana ihren Reiz für mich nie verloren. Egal ob Mitte März, Anfang November, oder irgendwann dazwischen, ob der See im warmen Abendlicht glänzt oder die strahlende Morgensonne durch die Wolken bricht und das Blau der Nacht verscheucht. Mein liebster Abschnitt sind die Kurven nördlich von Campione, die in den ersten Minuten des Bond-Films „Ein Quantum Trost“ einen Auftritt haben.
Genau hier beginnt die spektakulärste Straße am Gardasee, sie bezwingt die Brasa-Schlucht. Die Strada della Forra zweigt als Einbahnstraße von der Gardesana ab und führt über enge Kurven, aus dem Fels gehauene Tunnel und über schmale Brücken durch Felswände, die immer dichter zusammenwachsen und den Blick zum Himmel versperren. 400 Höhenmeter über dem See erreichen wir die Hochebene von Tremosine. Von der „Schauderterrasse“ des Hotel Paradiso hat man einen großartigen Blick über den See – und auf die unter der auskragenden Betonplattform vorbeiführende Uferstraße.



Auch nach fast 30 Jahren schlägt mein Herz höher, wenn ich nach einem langen Winter in Riva erstmals den See erblicke. Es ist die Jahreszeit, in der du die Gardesana fast für dich allein hast. Warmes Abendlicht am Ostufer, das Westufer liegt schon im Schatten der Berge. „Tutto bene?“, wird mich Lisa fragen, wenn ich nächstes Mal in Gargnano bin. Ja, alles gut. Dort ist immer alles gut.

Recherche der Route, Fotografie und Reportage



Testbericht BMW R1300 RT






Mit einer mehr als 2500 Kilometer langen Reise durch die Alpen haben wir BMWs modernstes Tourenmotorrad für das Motorradmagazin getestet. Die Bilder am Gardasee wurden sowohl für den Fahrzeugtest als auch für die Reisegeschichte produziert.

