Einmal noch das Meer sehen, bevor der Winter kommt: Wir reisen zum Abschluss der Motorrad-Saison nach Istrien und an die Kvarner-Bucht.
Die Kvarner-Bucht, die Westküste Istriens oder der Golf von Triest sind lediglich eine Tagesreise mit wärmendem Mid-Layer von Wien entfernt.
Endloses, weit über den Horizont hinaus reichendes Wasser übt einen gewaltigen Reiz auf mich aus. Ich kann nicht segeln. Schnorcheln oder gar tauchen interessiert mich nicht. Und mir schmecken weder Fische noch Meeresfrüchte. Aber ich stehe unglaublich gern an der Küste, wenn mir die Erdrotation vorgaukelt, dass die Sonne rot leuchtend aus dem Wasser steigt oder Stunden später im fetten, goldgelben Licht des Abends im Meer versinkt.
Meine liebste Reisezeit ist der Herbst. Die im Frühjahr noch dürren Bäume lassen ihr Laub in prachtvollen Farben leuchten, der Himmel strahlt in einem unbeschreiblichen Blauton, und die warmen, an der Nasenspitze kitzelnden Sonnenstrahlen zeigen noch einmal, woher das Lebensgefühl südlich des Alpenhauptkamms seine Kraft nimmt.



Die Erntezeit der Oliven beginnt in ihrer Reifephase, wenn deren grasgrüne Farbe zu einem dunklen violett wechselt. Vom Straßenrand kann ich in ganz Istrien beobachten, wie die Früchte in Handarbeit gepflückt, mit langen Rechen von den Ästen abgestreift, mit Stöcken abgeschlagen oder maschinell vom Baum gerüttelt werden. Mit den großen, auf dem Boden ausgebreiteten Planen werden die Oliven gesammelt, sorgfältig in Kisten gefüllt und innerhalb weniger Stunden in der Ölmühle zu „nativem Ölivenöl extra“ verarbeitet, der höchsten Güteklasse des flüssigen Goldes.












Waren die Wälder im Tal des Flusses Mirna in früheren Zeiten eine wichtige Rohstoffquelle für den Schiffbau der k.u.k. Kriegsmarine, sind sie heute als Heimat der teuersten Speisepilze von Bedeutung. Die in den dunkelgrauen, fetten Böden rund um das malerische Motovun sowie bei Livade und Buzet heranwachsenden knollenartigen Trüffelpilze werden von trainierten Hunden erschnüffelt, sorgfältig ausgegraben und um gutes Geld verkauft: Für die seltenen weißen Trüffel werden mehrere tausend Euro pro Kilogramm bezahlt. Als unbestrittener „König der Trüffel“ gilt Giancarlo Zigante, der sich nach dem Fund eines 1,31-Kilo-Trüffels ein Vermarktungs-Imperium aufgebaut hat und zu den alljährlich stattfindenden „Truffle Days“ Publikum aus der ganzen Welt begrüßen kann.



Gleißendes Sonnenlicht flutet die Frühstücksterrasse. Sanft am Kiesstrand auslaufende Wellen geben einen entschleunigten Grundrhythmus vor. Die über der glitzernden Bucht kreisenden und kreischenden Möwen sorgen für die Obertöne. Ein kurzer Blick aufs Handy: Daheim zeigt sich der Spätherbst von seiner unbeliebtesten Seite – die Verlängerungsnacht ist schneller gebucht, als der erste Espresso in die Tasse rinnt. Insel-Hopping ist angesagt!



Der allererste Waypoint der Heimreise wird mich nach Norden führen. Zu einer, wie soll ich sagen, alten Bekannten? Langjährigen Freundin?
Am Karfreitag des Jahres 1891 kenterte ein kleines Boot vor dem mondänen Seebad Abbazia an der österreichischen Riviera. An Bord des Schinakels befanden sich Gräfin Anna Fries und ihr Sohn Georg aus Niederösterreich sowie der junge deutsche Graf Arthur Kesselstatt. Entgegen zahlreichen Warnungen waren sie trotz schlechten Wetters an Bord gegangen. Übermut tut bekanntlich selten gut: Georg Fried überlebte, Anna Fries verstarb nach ihrer Rettung, und Arthur Kesselstatt blieb gar im Meer verschwunden. Eine Marienstatue erinnerte an diesen tragischen, aus purer Dummheit resultierenden Unfall – bis auch die trauernde „Madonna del Mare“ in einer stürmischen Nacht beschädigt wurde.
Seit 1956 steht an ihrer Stelle eine junge Dame mit abgewinkeltem Arm, auf deren Hand ein Vogel mit erhobenen Flügeln sitzt. Eine sanfte, vom Meer landeinwärts wehende Brise presst das Kleid eng an ihren Oberkörper und lässt es um ihre Beine flattern. Die von den üppigen Baumkronen der Parkanlage umrahmte Bronzeskulptur auf dem kleinen Felsen an der Promenade (Lungomare) von Opatija ist das Wahrzeichen der Stadt und eine vielfach fotografierte Sehenswürdigkeit.

Recherche der Route, Fotografie und Reportage

