Ladakh: Bis zum Himmel hoch

Die höchsten befahrbaren Pässe der Welt liegen im Norden Indiens – in einer Region, deren Grenzen von den Nachbarländern gerne anders gezogen würden.


Die dreitausend Höhenmeter mit dem Motorrad habe ich mir vor vielen Jahren auf der Grobschotterpiste zum Colle Sommeiler erarbeitet. Damals, als die Grenze zwischen dem Piemont und Savoyen nur eine Linie auf der Landkarte war und kein massiver Holzzaun. Den Vierer vorne sah ich ein paar Jahre später in Südamerika, den ersten Fünftausender habe ich in Tibet erklommen. Die zurecht gefürchtete Höhenkrankheit hat mich stets verschont. Dass ich daher in weiterer Folge auch die höchsten Pässe der Welt auf der bucket list abhaken will, ist wohl keine große Überraschung. Zu finden sind sie in Kaschmir – einer Region, die seit der Aufteilung der britischen Kronkolonie anno 1947 fortwährend für Konflikte sorgt.

Im Schnittpunkt der drei Atommächte liegt Ladakh. Das „Land der hohen Pässe“ ist ein geopolitischer Schlüsselraum im Himalaya.

Pakistan beansprucht die von Indien verwalteten Teile Kaschmirs mit muslimischer Bevölkerung und hätte gewiss auch nachhaltiges Interesse, das obere Industal – und damit die eigene Wasserversorgung – zu kontrollieren. Im östlichen Kaschmir, das von China okkupiert wurde, verläuft mittlerweile eine wichtige Militär- und Versorgungsstraße zwischen der politisch sensiblen, von Uiguren bewohnten Region Xinjiang und der nicht minder heiklen Autonomen Region Tibet. Nachdem China außerdem Territorialansprüche auf das gesamte historische Tibet erhebt, wird die Grenze zu Indien mit LAC bezeichnet – Line of Actual Control. Dass Indien ebenfalls angrenzende Gebiete in Pakistan und China begehrt, rundet das beständig schwelende Konfliktpotenzial ab.

Wenn ein Tal lediglich über einen hohen Pass zu erreichen ist, kommen nur gute Freunde – oder schlimme Feinde.

Dementsprechend hoch ist die Militärpräsenz in Indiens nördlichstem Unionsterritorium: Kasernen, Flugplätze, Bunker, Checkpoints – und lange LKW-Kolonnen auf der Straße. Um die Truppen im Bedarfsfall schnell verlegen zu können, werden die schwer zugänglichen Täler im höchsten Gebirge der Welt mit kühnen Passstraßen erschlossen.

Passstraßen in schwindelerregender Höhe, die man als Tourist (zum großen Teil) mit dem Motorrad befahren darf, die passenden Genehmigungen vorausgesetzt. Behördenkontakte und Papierkram: Etwas, das ich daheim gerne delegiere, und in Indien erst recht den Profis überlasse. Nach einem Vergleich der verschiedenen Anbieter habe ich mich für eine Tour mit Classic Bike Adventure entschieden.

Die direkte Verbindung zwischen dem Industal und dem Nubra-Tal steht auf der To-Do-Liste von allen Motorradreisenden, die nicht schon am Stilfser Joch von höhenkrankheits-induzierten Kopfschmerzen geplagt werden: Der Khardung La. Mit einer behaupteten Höhe von 5602 Meter wurde er für viele Jahre als höchster Straßenpass der Welt gehandelt. Ehrliche Angaben nennen 5360 Meter, was weit außerhalb jeder Messtoleranz liegt und noch immer sehr hoch ist, aber mittlerweile nicht mehr für die top ten reicht.

Nach einigen von der hochsommerlichen Gletscherschmelze ausgesprochen großzügig gespeisten Wasserdurchfahrten stehen wir auf 4250 Meter am Ufer des Salzwassersees Pangong Tso. Zwei weitere bedeutende Salzwasserseen liegen in den darauffolgenden Tagen auf unserer Route: der durch den Klimawandel mit seinen nachlassenden Regenfällen im Austrocknen begriffene Tso Kar und der wunderschöne Tso Moriri. Für mich ist der Moriri-See eine der eindrucksvollsten Naturlandschaften, die ich auf meinen Motorradreisen rund um die Welt erleben durfte. Drei Tage – und Nächte! – am Stück verbringen wir jenseits der Viertausender-Grenze, fünftausend Höhenmeter überschreiten wir in diesem Zeitraum ganze acht Mal.

Die Royal Enfield Himalayan erklimmt wie ein Yak Höhenmeter um Höhenmeter: langsam, aber stetig. Ein Schild am Straßenrand markiert die Höhe des Everest-Basecamps, während der Pass noch lang nicht in Sicht ist. Auf 5798 Meter habe ich dann das Ziel meiner Reise erreicht: Ich stehe am höchsten Pass der Welt, den man als Zivilist befahren darf.

Fotografie und Reportage