Rumänien: Am Rand der Monarchie

Rumänien ist Mitteleuropa zwar immer eine Stunde voraus – mitunter aber auch ein Jahrhundert hinten nach. Das für Euro-Verdiener günstige Reiseland lockt Enduristen aller Hubraumklassen – unsere deutschen Freunde nennen das „Viel Schotter um wenig Kies“.


Bettlermafia. Prostitution. Eigentumsdelikte en gros, en détail. Dreckige Unterkünftige. Ungenießbares Essen. Und eine Heimreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln, weil das Motorrad über Nacht den Besitzer gewechselt hat. Das sind typische Vorurteile, die vielen durch den Kopf gehen, wenn sie an Rumänien denken. Man hat vom neostalinistischen Diktator Nicolae Ceaușescu gehört, der sein Volk vom zweitgrößten Gebäude der Welt aus unterdrückte. Tennisfans erinnern sich an Boris Beckers Trainer Ion Țiriac, Ältere auch Ilie Năstase sowie die Kunstturnerin Nadia Comăneci, die den Schwebebalken beherrschte wie Doktor Rossi den Gasgriff. Eventuell fällt einem noch Peter Maffay ein. Eine Automarke aus dem Renault-Konzern kommt von dort. Und Graf Dracula.

Die weitschichtige Verwandtschaft des blutrünstigen Woiwoden verästelt sich bis zum aktuellen Langzeit-Thronfolger im Buckingham Palast.

Die eigentliche Heimat der Blut saugenden Nachtgestalt ist freilich die Fantasie des irischen Schriftstellers Abraham Stoker. Als Inspiration soll „der Sohn des Drachens“, Vlad III. Drăculea, gedient haben, der im 15. Jahrhundert in Transsylvanien geboren wurde und nach einer schweren Kindheit zum wenig zimperlichen Herrscher der Walachei aufstieg, der seine Feinde unter anderem häuten oder aufspießen (daher auch sein Beiname Țepeș, der Pfähler) ließ.

Wir erlebten prächtige Tagesetappen in einer Landschaft, die an die schönsten Ecken der Hochsteiermark und Kärntens erinnert, und Begegnungen mit gastfreundlichen Menschen, die sich nicht nur auf Englisch, sondern auch oft auf Deutsch mit uns verständigen. Wir wohnten ausnahmslos in sauberen Quartieren, verspürten kein einziges Mal das Bedürfnis, die Motorräder mit Ketten zu sichern (und haben am Ende der Woche nicht einmal mehr das mit Gummispannern befestigte Regenzeug entfernt).

Wir wurden weder von Wölfen gehetzt noch von Bären verspeist – apropos: abgenommen hat auch niemand aus der Gruppe, ganz im Gegenteil. Wie sagte schon Mark Twain so schön: „Reisen ist tödlich für Vorurteile, Fanatismus und Engstirnigkeit.“

Die beschriebene Tour ist ideal für Großenduros, wobei bei entsprechendem Fahrkönnen auch Straßenreifen kein Hindernis darstellen. Mehr Fahrspaß wird mit den „Allzweckwaffen“ Heidenau K60 Scout oder Continental TKC70 aufkommen; wer auch im tieferen Matsch gut besohlt sein will, greift vorzugsweise zum Michelin Anakee Wild (der steckt auch die An- und Abreise quer durch Ungarn locker weg). Wem das Gebotene zu soft vorkommt, der google „Red Bull Romaniacs“ und „Ärzteflugambulanz“.

Fotografie und Reportage