Südafrika: Gegensätze ziehen einander an

Schotterpisten durch sandige Wüsten, Farmwege entlang grüner Weinspaliere, spektakuläre Passstraßen und Traumaussichten auf das endlose Meer: Eine Reise von der Einsamkeit Namibias zur quirligen Südspitze des Schwarzen Kontinents.


Zerbrochene Fensterscheiben und schlecht schließende Türen der von Vandalismus und regionaler Baustoffnachfrage devastierten Geisterstadt können den Dünen keine wirksame Gegenwehr bieten.

Zähneknirschend stapfen wir durch die einst reichste Stadt der Welt, wobei „Stadt“ bereits als manifester Euphemismus durchgeht: Ein paar Häuser und ein längst stillgelegtes, aber dennoch mit gelb blinkenden Warnleuchten abgesichertes Bahngleis unter sengender Sonne, der trostlosen Ödnis mühsam unter brutalen Bedingungen abgetrotzt, von sanft wogenden Dünen zumindest umgeben – wenn nicht gar verschüttet oder durchwachsen.

Langsam, aber unaufhaltsam holt sich die Wüste jenes Terrain zurück, das ihr genommen wurde.

Der nahezu unablässig wehende Wind kennt kein Erbarmen. Er wirbelt die lose Oberfläche auf und erhebt sich mitunter zu Böen, die dir den feinen Sand in sämtliche freiliegenden Körperöffnungen drücken, im schlimmsten Fall gar als Sturm die Sicht und dem Atem rauben. Der Name Kolmannskop (in Afrikaans, Kolmannskuppe in der Sprache der ehemaligen Besatzungsmacht) erinnert an Herrn Coleman, der hierorts zwar mit dem Leben davonkam, jedoch seines festgefahrenen Ochsenwagens verlustig ging.

Das Straßennetz Namibias umfasst rund 65.000 Kilometer, davon sind aber satte 60.000 nicht asphaltiert. Freilich haben die Straßenplaner aus Effizienzgründen unabhängig von der Oberflächengestaltung mit langen Linealen gearbeitet. Bis zum Horizont eine Gerade, in den Rückspiegeln das Gleiche. Kurven werden trassiert, wenn es die Geländeform unbedingt erfordert. Links und rechts bedrückend menschenleeres Weideland in einer Gegend, die sich alle paar Minuten in Form und Farbe ändert und irgendwo am Horizont an den gewaltigen Himmel stößt. Stellt man den Motor ab, wird es blitzartig still. Richtig still.

Heiß, feucht und salzig präsentiert sich die Südspitze des Kontinents.

Als südlichster Punkt Afrikas trennt das Cap Agulhas den ziemlich frischen Atlantik vom vergleichsweise wärmeren Indischen Ozean. Seinen Namen verdankt das Kap dem portugiesischen Seefahrer Bartolomeu Dias, der vermutlich wegen der für Schiffe gefährlichen Felsen des Kontinentalschelfs vom „Nadelkap“ sprach. Wie als Bestätigung dieser Theorie rostet ein Wrack nur wenige hundert Meter westlich des Markierungspunktes still vor sich hin.

Been there, done that. Tick the box, zurück in den Bus.

Nicht viele Touristen verirren sich in diese Gegend, denn die Einsersehenswürdigkeit liegt eine Halbtagesreise über eine wirklich fantastische Küstenstraße weiter westlich: Die berühmten Holztafeln am Kap der Guten Hoffnung. Ebendort stellen sich jene Menschen in langen Schlangen an, für die ein mit dem Mobiltelefon erstelltes Lichtbild der Höhepunkt ihres Südafrikaurlaubs ist. Damen mit dem Handy in der gen Himmel gereckten Hand schürzen die Lippen verlässlich zum Duckface, die Selbstbildnisse vom peinlichen Teleskoparm sind lediglich durch die Handhaltung der freien Pfote abwechslungsreich (thumb up, victory, hang loose, high five, auf das Schild zeigen).

Als Winterdepressionsmedikation ist der Süden Afrikas mit 300 Sonnentagen im Jahr bestens geeignet. Im Landesinneren herrschen dann Temperaturen jenseits der Dreißigermarke, es kann aber auch mal ein Vierer vorne stehen. An der Küste wird ein Pullover oft gute Dienste leisten. Durch den minimalen Zeitunterschied (eine Stunde) ist kein Jetlag zu befürchten.

Fotografie und Reportage