Traumberuf Tourguide?

Arbeiten, wo andere Urlaub machen. Und das rund um den Globus: im Sommer zwischen Sizilien und dem Nordkap auf Achse, im Winter auf der Südhalbkugel unterwegs. Im Motorradmagazin-Interview plaudert Thomas Ritt über sein Leben und seine Erlebnisse bei Edelweiss Bike Travel.


Mittlerweile hast du ja einen etwas ruhigeren Lebenswandel – wie lang warst du hauptberuflich als Tourguide unterwegs?

Ein Picknick am Ort des Paneuropäischen Picknicks

Ich habe in 17 Jahren über 200 Tourgruppen betreut. Über den Daumen sind dabei rund 750.000 Kilometer auf allen Kontinenten zusammengekommen.

Wird das nicht irgendwann einmal langweilig? Immer die gleichen Strecken, immer die gleichen Sehenswürdigkeiten, immer die gleichen Hotels?

(lacht) Nein, wird es nicht! Auf den Reisen lernen wir neue Gäste kennen und treffen natürlich auch viele langjährige Kunden, die mit uns den Planeten auf zwei Rädern entdecken. Den Rekord hält ein Gast aus Deutschland, der mit uns bereits 67 Touren gefahren ist. Jede Tour bringt neue Erlebnisse, neue Geschichten. Nicht einmal die Hotels sind immer gleich – wir buchen natürlich gerne bereits bewährte Quartiere, aber wenn etwas Neues direkt am Strand aufsperrt …

Das heißt, es entstehen auch Freundschaften mit Kundinnen und Kunden?

Ja, absolut. Mit vielen meiner Kundinnen und Kunden bin ich nach wie vor regelmäßig in Kontakt, und eine meiner Tourteilnehmerinnen hat sich nach reiflicher Überlegung sogar dafür entschieden, ihren Tourguide zu heiraten. (lacht) Die Hochzeitsreise führte uns nach Marokko – natürlich eine Edelweiss-Tour. Und natürlich war es nicht einfach ein Urlaub, sondern es gab einiges zu tun!

Was muss ich als Tourguide können – mal abgesehen davon, dass ich einen Motorradführerschein habe?

Steiermark

Den Führerschein zu haben reicht nicht: Du brauchst Fahrpraxis und musst mit allen möglichen Marken und Größen von Motorrädern sicher umgehen und sie auch verladen können. Außerdem musst du mit dem Tourbus auch im Linksverkehr oder in verwinkelten italienischen Dörfern fahren können. Das ist mit einem Hochdach-Iveco mit langem Radstand nicht so einfach, vor allem wenn noch ein 11 Meter langer Anhänger dranhängt. Deshalb brauchst du auch unbedingt den Anhängerschein, denn wir transportieren unsere Motorradflotte aus dem Bezirk Imst nach ganz Europa – und wieder zurück. Auf der Fähre nach Island genießt du das Erlebnis einer kleinen Kreuzfahrt – wenn das Wetter schön ist und die See ruhig.

Brauche ich Rennstrecken-Erfahrung? Muss ich Wheelies können?

Nein, wir sind ja auf Urlaub, nicht auf der Flucht! Eine sichere Fahrlinie auf der Straße ist viel wichtiger. Bei unseren Extreme-Touren wird allerdings richtig zügig gefahren, da tritt der touristische Aspekt spürbar in den Hintergrund. Der Kollege, der diese Touren hauptsächlich führt, ist auch bei Reifentests und Produktpräsentationen für Journalisten im Einsatz – und dort gewiss nicht der Langsamste.

Klingt überschaubar. Was passiert, wenn unterwegs Pannen auftreten?

Grundsätzlich machen wir jedes Service der Maschinen in unserer eigenen Werkstatt. Die Bremsbeläge werden daher unterwegs nicht das Problem sein, aber einen Patschen zu flicken oder eine Kette zu spannen ist die Aufgabe des Tourguides. Das notwendige technische Verständnis für Kleinreparaturen bringst du im Idealfall mit, ist aber auch Teil des Tourguide-Trainings. Bei Reisen in Europa haben wir ein Ersatzmotorrad im Tourbus, bei den Touren durch exotische Länder mit deutlich überschaubarer Infrastruktur ist ein örtlicher Mechaniker Teil des Teams.

Ohne Englischkommt man auch nicht weit, oder?

Deutsch und Englisch fließend zu sprechen ist Grundvoraussetzung, weitere Sprachen sind sehr gerne gesehen. In Lateinamerika bist du ohne Spanischkenntnisse chancenlos, aber auch Gäste aus dieser Region schätzen es, wenn sie in ihrer Muttersprache betreut werden. Unsere brasilianischen Kunden freuen sich daher über einen Guide, der mit ihnen auf Portugiesisch kommunizieren kann. Und auf Sizilien kannst du ohne Italienisch auch kein Essen für die Gruppe bestellen.

Das war wahrscheinlich noch immer nicht alles.

Richtig. Das Wichtigste ist, gut und gerne mit den unterschiedlichsten Charakteren umgehen zu können. In unserem Beruf musst du Menschen wirklich mögen, Dienstleistungsmentalität und Problemlösungsorientierung dürfen für dich kein Fremdwort sein. Du musst die Truppe bei Laune halten, wenn es in Schottland eine Woche ohne Unterlass regnet. Du bist der Ansprechpartner, wenn in Kuba die Klospülung im Hotel nicht funktioniert. Du wirst gefragt, was man sich in der jeweiligen Stadt anschauen sollte, was das für ein Essen ist, ob man hier gefahrlos baden kann, oder, von wegen Kuba, wo man billige Zigarren bekommt. Um nur einige typische Fragen zu nennen.

Punakaiki Beach, Neuseeland

Du brauchst jeden Tag Sozialkompetenz, Konfliktfähigkeit und Organisationstalent. Manchmal ist eine Straße wegen eines Erdrutsches gesperrt wie vor einigen Jahren der schöne Sölkpass, manchmal sind es Streiks oder politische Unruhen, und schon musst du eine neue Route suchen. Wir können dir vom Office aus natürlich helfen und bei großräumigen Streckenänderungen andere Hotels buchen, aber trotzdem stehst du vielleicht gerade mitten in Patagonien und suchst auf dem Navi einen neuen Weg, während rundherum dunkle Regenwolken aufziehen und der Wind spürbar auffrischt. An einem anderen Tag gibt es an der chinesischen Grenzstation Probleme, weil ein Stempel fehlt oder das Visum abgelaufen ist. Oder der Kunde greift in Frankreich zur falschen Zapfpistole, weil Gasolina und Gasoil leider nicht der gleiche Kraftstoff ist. Mal steht das Gepäck im falschen Zimmer, ein andermal vergisst ein Gast, seine Tasche zum Tourbus zu bringen. 

Okay, das ist doch ein bisserl mehr als nur Spazierenfahren. Wie lange dauert die Ausbildung zum Tourguide?

Wir führen jedes Jahr viele Gespräche mit Bewerberinnen und Bewerbern, um sie besser kennenzulernen – und sie uns. Nach dem Auswahlverfahren im Dezember startet Anfang des Folgejahres die Ausbildung, die insgesamt drei Wochen dauert. Ab März geht es dann los mit den ersten Touren.

Und dann kann man hauptberuflich davon leben?

Das hängt natürlich von deinen Einsatztagen ab. Wir erwarten von unseren Guides, dass sie zwischen März und Oktober mindestens sechs Wochen Zeit haben, um unsere Gäste zu betreuen oder Transport zu übernehmen. Mehr ist gerne gesehen und auch notwendig, wenn man seinen Lebensunterhalt davon bestreiten will. Mit den Dienstjahren steigt die Erfahrung, und damit auch der Tagsatz, den du zusätzlich zu deinen Spesen bezahlt bekommst.

Welche lustigen Erlebnisse hast du in Erinnerung, von denen du uns erzählen kannst?

Kenia

Oje, wo soll ich da anfangen? In Kenia hatte ich mal einen Platten und schickte, weil es schon spät war, die Gruppe allein zum nächsten Hotel. Nach der Reparatur fuhr ich hinterher, schon im Dämmerlicht, und da tauchte plötzlich ein Elefantenbulle auf und schlenderte direkt vor mir auf die Straße, wo er stehenblieb, und mich fixierte, aus höchstens 10 Meter Entfernung. Seinen durchdringenden Blick werde ich nie vergessen! Nach ein paar Minuten drehte er sein riesiges Hinterteil zur Seite, machte die Straße frei und ich fuhr direkt an dem gewaltigen Sechstonner vorbei. Leider gibt es davon kein Foto, ich zitterte einfach zu stark.

Gibt es auch weniger schöne Erlebnisse, zum Beispiel Verkehrsunfälle?

Natürlich, die bleiben nicht aus – auch wenn unsere Unfallstatistik nicht so schlecht ist, wie man vielleicht annehmen könnte. In Neuseeland fuhr mir mal ein fast 70jähriger Harleyfahrer in den Graben, am 18. von 20 Tourtagen, und kündigte noch im Krankenhaus an, die Tour in ein paar Jahren noch einmal machen und dann auch erfolgreich beenden zu wollen. Was für ein Optimist, dachte ich damals, denn er hatte sich ziemlich verletzt. Doch ein paar Jahre später stand er wieder auf der Matte, diesmal auf V-Strom 650, und absolvierte die Tour ohne Zwischenfälle. Das haben wir dann richtig gefeiert, hoch oben auf dem Fernsehturm in Auckland.

Seit der Hochzeit hast du dich aus dem aktiven Reisezirkus zurückgezogen. Geht dir das Motorradfahren nicht ab?

Ich betreue unser computergestütztes Tour-Informationssystem, halte die Handbücher mit den relevanten Informationen für unsere Tourguides aktuell, bin im Marketing aktiv und plane für jede Saison ein paar neue Touren: Neue Straßenverbindungen ermöglichen manchmal eine dramatisch bessere Routenführung, manche exotische Länder rücken vermehrt in das touristische Interesse, bei anderen müssen wir uns aus unterschiedlichen Gründen vorübergehend zurückziehen. Endurowandern ist ein neuer Trend, den wir frisch ins Programm aufgenommen haben. Langweilig wird es bei uns auch im Büro nicht! Außerdem kann ich meine langjährige Erfahrung in der Aus- und Weiterbildung unserer jungen und junggebliebenen Tourguides einbringen. Da komme ich noch oft genug zum Motorradfahren.

Bevor ich’s vergesse: Gibt es sowas wie Geheimtipps? Wo hat es dir bisher am besten gefallen?

Tibet

Unser Büro am Mieminger Plateau hat die Alpen vor der Haustüre – und die sind außerhalb der Schulferien ein verlässlicher Garant für Fahrspaß. Die Kultur und die Landschaft von Tibet waren immer wieder überwältigend. Jeder Sonnenuntergang in der Serengeti ist ein beeindruckendes Naturschauspiel, jede Safari beim Kilimandscharo ein tolles Erlebnis … und natürlich Neuseeland, da könnte ich jederzeit wieder hinfahren – und beliebig lang bleiben, wenn mich meine Frau begleitet.

Interview für das Motorradmagazin. Fotos: Alexander Seger und Thomas Ritt

Der Reisefahrer

Erzberg, Steiermark

Nach der Matura absolvierte der Münchener Thomas Ritt, 49, zuerst eine Lehre in einem Versicherungskonzern und danach ein Touristikstudium. Nebenbei arbeitete er für eine Eventagentur, auf der Messe, als Taxi- und Lastwagenfahrer und sogar bei der Post, doch so richtig erfüllend war das nicht. 2003 begann Tom als Tourguide bei Edelweiss Bike Travel, mittlerweile ist er als Tourguide Trainer und Tour Program Supervisor aus dem Büro des weltgrößten Motorrad-Reiseanbieters nicht mehr wegzudenken. Der Tiroler Familienbetrieb ist seit 1980 am Markt aktiv, inzwischen wird er in zweiter Generation geführt.