Kolumbien: Schnee von gestern

Der lange Schatten der dunklen Vergangenheit ist schwer abzuschütteln. Doch mittlerweile muss man in Bogotá oder Medellín nicht mehr um sein Leben bangen – das größte Risiko in Kolumbien ist, sein Herz an das Land und seine Menschen zu verlieren.


Plata o plomo war sein Motto – Silber oder Blei, Bestechung oder Beseitigung.

Mit ehrlicher Arbeit hatte Pablo Emilio Escobar Gaviria eher wenig am Hut. Der Sohn eines Viehzüchters stieg vom Zigarettenschmuggler zum globalen Drogenbaron – und damit auch zu Amerikas Staatsfeind Nummer eins – auf. Die weltweite Erfolgsgeschichte der kolumbianischen Landwirtschaft machte Escobar zum Multimilliardär. Bei der Anwendung roher Gewalt zur Absicherung seiner Position war er nie zimperlich. Der Patrón ließ Politiker ebenso ermorden wie Richter und zahlte ein Kopfgeld für getötete Polizisten – egal wer, Hauptsache dass.

Kaffeestauden und Bananenplantagen begleiten uns auf unserem erneut kurvenreichen Weg in die Herzkammer des einstigen Rauschgiftimperiums. Doch Medellín sollte auch nach Escobars Tod nicht zur Ruhe kommen: Rivalisierende Guerilla-Milizen füllten das durch den Zusammenbruch des Kartells entstandene Machtvakuum. Sie terrorisierten die Landbevölkerung – wer konnte, der flüchtete. An der Peripherie der Städte wucherten als direkte Folge die Elendsviertel wie Krebsgeschwüre, und es war nur eine Frage von kurzer Zeit, bis sich das organisierte Verbrechen auch hier breit machte. Mit schwer bewaffneten Hubschraubern und gepanzerten Fahrzeugen musste das Militär nicht nur die Comuna n.º 13 San Javier, den berüchtigtsten Stadtteil Medellíns, zurückerobern. Straße für Straße, Haus für Haus. Ein knappes Jahrzehnt später fotografieren unbekümmerte Touristen das unübersichtliche Gewirr aus Baracken und Häusern, erschlossen über Straßen, Stiegen und eine spektakuläre Rolltreppenanlage.

Alle Bilder sind in zusätzlich auch in einer Vintage-Entwicklung vorhanden:

Im Graffiti-Viertel von Bogotá

Barichara

Doch auch das kurvigste Bergland muss irgendwann in eine Ebene auslaufen. Nördlich von Puerto Valdivia wird die Gegend heiß und flach. Nicht enden wollende Rinderfarmen und breit ausladende Bäume begleiten die meist ziemlich geradeaus führenden Straßen. Aus motorradfahrerischer Kür wird Pflichtprogramm.

Die Bar auf der alten Stadtmauer ist bei Sonnenuntergang the place to be.

Der Grund, auch den weniger reizvollen Landstrich mit 35 Grad und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit zu besuchen, liegt direkt am tiefblau im Sonnenlicht glitzernden karibischen Meer: Cartagena de Indias, eine der schönsten Kolonialstädte des ganzen Kontinents. Das komplett mit Festungsanlagen ummauerte, einst fast uneinnehmbare Stadtzentrum mit der hoch aufragenden Kathedrale und zahllosen Palästen im andalusischen Stil wird als Einser-Sehenswürdigkeit von Kreuzfahrtschiffen aus aller Welt angelaufen – und von deren Passagieren überlaufen. Fast alle von ihnen haben Die Liebe in Zeiten der Cholera gelesen, um sich mit Hilfe des Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez mental auf Kolumbien vorzubereiten.

Kolumbiens Temperaturschwankungen sind untertags größer als die zwischen den Jahreszeiten, welche es de facto also nicht gibt. Es lohnt sich daher, im europäischen Winter anzureisen. Bogotás Seehöhe geht als Höhentrainingslager durch, dafür beträgt die Durchschnittstemperatur angenehme 20 Grad. Das wärmere Medellín wird auch „Stadt des ewigen Frühlings“ genannt. In Cartagena hat es Temperaturen, die der tropischen Lage durchaus gerecht werden.

Fotografie und Reportage