Reschenpass: Tornanti, Tornanti

Der höchste Pass der Ostalpen lockt mit seinen endlos wirkenden Kurven – ist aber gewiss kein Geheimtipp. Bei bewusster Wahl von Route und Tageszeit kann man im Dreiländereck AT-CH-IT viel Fahrspaß haben, tolle Aussichten genießen, und trotzdem nicht im Ausflugsverkehr ersticken.


Ausnahmsweise ist es nicht die Klimawandel-bedingte Trockenheit, die für den niedrigen Wasserstand des Reschensees verantwortlich ist. Eine Reparatur der Druckrohrleitung des Kraftwerks machte es 2022 erforderlich, das Staubecken zur Gänze abzulassen. Die Steinschlaggalerien am Südende des Stausees sind ebenfalls sanierungsbedürftig, aber statt eines Neubaus wird die Staatsstraße rund 50 Meter Richtung See verlegt, und der bisherige Straßenverlauf rückgebaut. Die Bauarbeiten zur Aufschüttung der neuen Trasse starteten 2023; das dafür benötigte Material wird direkt aus dem weitgehend trockenen Stausee-Becken entnommen. Immerhin staubt es nicht, als ich am meistfrequentierten Platz des Seeufers den Seitenständer ausklappe und den Motor meiner GS zum Schweigen bringe.

Der unter Denkmalschutz stehende romanische Kirchturm aus dem 14. Jahrhundert ist das Wahrzeichen des Vinschgaus, aber er ist auch ein stiller Ankläger. Er erinnert an die Zeit des italienischen Faschismus, als mehrere Siedlungen dem Stausee-Projekt zum Opfer fielen: Die ursprünglich geplante Aufstauung des Reschensees um zusätzliche fünf Meter wurde kurzerhand auf 22 Meter angehoben, doch der zweite Weltkrieg verzögerte die Umsetzung.

Kurz nach Kriegsende wurden die Häuser gesprengt, ihre Einwohner zwangsweise abgesiedelt. Fruchtbare landwirtschaftliche Böden versanken 1950 unwiederbringlich im türkisblauen Wasser der Etsch, des Rojenbachs, des Karlinbachs und einiger weiterer kleinerer Zuflüsse. Ein kleiner Damm bildet ein eigenes Becken für den Kirchturm, sodass man ihn bei Niedrigwasser trockenen Fußes umrunden kann. Dahinter liegt der Rest des normalerweis 6,8 km² messenden Stausees. Ein kleiner Pavillon zeigt ein 3D-Modell der versunkenen Siedlungen und klärt Besucher über die traurige Geschichte des instagramablen Kirchturms auf.

Schüttelnd erwacht der Boxer, ihm ist offensichtlich genauso kalt wie mir. Im Osten klettert derweil das erste Licht des Morgens über den Horizont und taucht die Bergflanken des Etschtals in warme Rottöne. Über das dunkle Trafoier Tal erreiche ich über jede Menge Serpentinen die Franzenshöhe, doch der eindrucksvollste Streckenabschnitt steht mir noch bevor. Mit weiteren 20 Kehren trotzten die Ingenieure der Habsburger-Monarchie den steilen Felswänden eine Straße ab, die die hochalpine Bergwelt seit rund 200 Jahren nahezu unverändert erklimmt. Allein das letzte Dutzend Haarnadelkurven überwindet gut 400 Höhenmeter! Und mit den Höhenmetern geht die Temperatur verlässlich nach unten, die Mundwinkel gehen jedoch hinauf. Vier, Drei, Zwei – der Countdown zur Passhöhe bringt die kniffligsten Kurven kurz vor Schluss. Nullsechsdreißig sagt die Uhr. Während so mancher Biker sich grummelnd unter der Bettdecke noch einmal auf die andere Seite dreht und vom Achtuhrdreißig-Häferlkaffee am Frühstücksbuffet träumt, stehe ich schon auf der kurzen Stichstraße zur Tibethütte neben meiner leise knisternden GS und bewundere die Straßenführung, die sich mit ihren sagenhaften Serpentinen wie eine riesige Schlange ins Tal windet.

Recherche der Route, Fotografie und Reportage
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